Bosnien- ein verspäteter Bericht

Meine zu kurze Reise nach Bosnien und Serbien ist mittlerweile schon 3 Monate her und obwohl ich mich noch an viele Momente der Reise erinnern kann, fällt mir das Schreiben schwer. Gerade weil die Eindrücke so intensiv waren und die Thematik so bedrückend und emotional ist der folgende Bericht nur ein kleiner Ausschnitt einer Reise, der noch viele weitere folgen sollten. Aber woran erinnere ich mich noch? In erster Linie an Ausschnitte der intensivsten Momente von denen ich im Folgenden einige skizzenhaft darstellen möchte:

Selvir legt mir seine Arme auf die Schultern und sagt: „Du Felix, gut Freund!“ Ich bin gerührt. Wir stehen irgendwo in Bosnien etwa 100 km Meter vor Sarajevo in der offenen Schiebetür eines VW-Busses. Es ist 6 Uhr morgens, gelegentlich hören wir Menschen das erste Mal an diesem Tag Richtung Mekka beten. Mit leuchtenden Augen hatte mir Selvir gerade von seiner Hochzeit erzählt, in drei Wochen sollte es so weit sein. Da plötzlich blockierte das Getriebe, der Wagen stellte sich stur und wir standen mitten auf einer Landstraße.
Da steckten wir nun mitten im Abenteuer und mir wurde in diesem Moment schlagartig klar, dass es noch immer mehr bedeutet in einer Nation zu leben, als es mir oft bewusst ist. Selvir hatte sein Telefon herausgeholt und seine Kollegen angerufen. Als er nach einer halben Stunde jemanden aus dem Bett geklingelt hatte, verstand ich nur „...iz Nemcije, iz Nemcije!“ Mir wurde langsam klarer, dass seine Freundlichkeit nicht irgendwo her kam. Er wollte uns helfen. Auch deswegen, weil Deutschland während des Bosnien-Krieges Flüchtlinge akzeptiert hatte. Auch deswegen, um zu zeigen, was das für ihn bedeutet hatte. Mir war mulmig zu Mute. Es war seltsam ein Gefühl entgegen gebracht zu bekommen mit dem ich mich nur so wenig verknüpft fühlte. Schließlich hatte ich diese Entscheidung nie getroffen und es fiel mir dazu überhaupt schwer, den deutschen außenpolitischen Entscheidungen dieser Zeit positive Achtung zu zollen. Aber in dieser Situation musste ich mich damit wohl zurecht finden.
Selvir hatte niemanden bewegen können, die anderen Busfahrer schliefen noch oder hatten selber zu arbeiten. Allerdings hatte Selvir ein anderes Busunternehmen erreichen können. Ein Bus sollte in den nächsten Stunden bei uns vorbei kommen. Er kam und Selvir übergab uns mit den Worten „iz Nemcije, iz Nemcije!“
Der Bus brachte uns nach Zenica, einer kleineren Stadt vor Sarajevo. Dort mussten wir den Bus wechseln, jedoch hatten wir noch keinerlei bosnische convertible marks erstanden. Wieder half die „German Kleinigkeit“. Weil ich aus Deutschland kam, durften wir in Euro zahlen und uns wurden sogar noch 70 Cent erlassen. Zu allem Übel schüttelte mir der Busfahrer noch zum Dank die Hand.
Erschöpft kamen wir in Sarajevo an. Es war mittlerweile Elf und wir beschlossen erst einmal unser Hostel aufzusuchen und dann weiter zu planen. In einem alten Golf wurden wir abgeholt. Wieder ein VW. Wenn man sich einmal fragt wo die ganzen alten Volkswagen hingekommen sind: Man fahre nach Bosnien. Unser Fahrer war ruhig und freundlich. Er schaltete einen Popsender ein und fuhr uns sehr sicher durch den extrem starken Verkehr. Im Hostel gab man uns die Schlüssel für unser Zimmer und wir wurden weiter gefahren. Der erste Friedhof begegnete uns, Beklemmung. Ein Stück weiter den Berg hinauf: Unser Zimmer.
Nach kurzer Dusche gehen wir runter in die Stadt, in diese bunte, hektisch fließende Vielfalt. Auf Empfehlung von Ines, einer Bosnierin, die ich in Ljubljana kennengelernt hatte, gingen wir in ein Restaurant, wo es traditionelle bosnische Kost gibt. Wir speisen lecker und sind guter Dinge als uns nach dem Mahl eine Journalistin um ein Interview bittet. Es folgen zunächst übliche Fragen danach, wie es uns als Touristen in Sarajevo gefällt. Wir antworten natürlich positiv und stutzen auch kaum als die Frage folgt, was denn das da drüben für ein Gebäude sei. Während des Essens hatten wir erste Blicke in die Touri-Unterlagen geworfen, die wir aus dem Hostel mitgenommen hatten. Aber richtig genau gelesen hatten wir noch nicht und so kam uns nur die Überschrift in den Sinn: Das ist die „Old Townhall“ – die alte Stadthalle. Die Journalistin bedankt sich, doch wir hören sie mit ihrer Freundin abziehen mit abfälligen Worten über uns „Stupid Tourists“. An dieser Stelle ist auf eine interessante Darstellung im Touriguide hin zu weisen. Liest man nämlich weiter in der Darstellung der „Old Townhall“ so stellt man fest, dass erst in der fünften Zeile erwähnt wird, dass es sich bei der „Old Townhall“ gleichzeitig um die alte Nationalbibliothek handelt. Und von dem Umstand, dass diese Ende 1992 von den Serben vollständig zerstört worden war und damit 80 Prozent des bosnischen, kollektiven Gedächtnisses, hatte ich auch schon vorher mitbekommen. Doch in dieser Situation hatte ich einer nicht sehr seriös auftretenden Journalistin einen Ball vor das Tor gelegt auf das sie es mit Sicherheit schon vorher abgesehen hatte. Dementsprechend wütend über mich selber, die Situation und die Touri-Informationen bekam die zunächst so bunte und friedliche Vielfalt erneut einen Knacks, wie sie es noch einige Male bekommen sollte.

...zum Bild: So viel und nicht mehr verstehen wir von dem, was in Bosnien passiert sein muss.
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Wir gingen weiter durch das bunte Treiben, ich fühlte mich auf einmal gefangen in dem farbenfrohen Meer, von dem ich nicht recht wusste wie ich es nehmen sollte. Diese Frage stellt sich glaube ich jeder, der heute nach Sarajevo reist. Soll man sich darüber freuen, dass die multikulturelle Vielfalt dort gerade wieder funktioniert oder soll man sich weiter daran erinnern, dass die vor noch gar nicht langer Zeit so ganz und gar nicht funktionierte?
Dabei ist diese Vielfalt so herrlich. Ich hatte mir vieles vorgestellt, aber eine derartige Farbigkeit habe ich vorher noch nirgendwo gesehen. Wir gingen durch die Straßen und ich überlegte nur wie ich meine Kamera loswerden konnte, dieses Symbol des unfähigen Touristen. Ich wollte näher dran sein an diesem schillernden Treiben aber überall wo ich hinsah, sahen die Menschen uns an und sahen die Touristen. Ob das ohne Kamera so anders gewesen wäre, weiß ich nicht. Katka, meine slowakische Begleiterin konnte meine Skrupel und meine Wünsche auf der ganzen Reise nie ganz nachvollziehen. Vielleicht waren sie auch wirklich etwas übertrieben. Dennoch hatte ich schon während der Tour das Gefühl: In Sarajevo, da würde ich gerne mal länger wohnen. Dieses Gefühl änderte sich bloß immer dann, wenn sich wieder Bilder der Vergangenheit in das zauberhaft Neue mischten.
Wie nach dem Besuch des War-Museums in der Straßenbahn. Da die Serben während des Krieges nahezu das gesamte Verkehrsnetz Sarajevos zerstört hatten, mussten die Menschen teilweise noch von außen auf die Busse aufspringen. In der Straßenbahn wurde mir plötzlich klar, dass es womöglich die Menschen um mich herum gewesen waren, die das mitmachen mussten. Wie schnell sich Blicke ändern können! Um so schneller, wenn man dabei am Holiday Inn-Hotel mit seiner traurigen Berühmtheit vorbei fährt...

Fortsetzung folgt!