Fortsetzung: Serbien – ein verspäteter Bericht

Der Bahnhof von dem unser Bus nach Belgrad fährt ist im Osten der Stadt, jenem Gebiet, das heute unter serbischer Verwaltung steht. Als ich einen Jungen im Bus zum Bahnhof danach frage wo sich der Bahnhof genau befindet winkt er ab. In diesem Teil Sarajevo wäre er nicht so oft. Ich glaubte in diesem Moment ein bisschen Abgrenzung bzw. Angst mitschwingen zu hören. Das kann aber auch Einbildung bzw. Zuschreibung gewesen sein.
Später lese ich in meinem Tagebuch: „Was heißt GDS?“ Diese Abkürzung an Häuserwänden war mir aus dem Fenster des Busses aufgefallen. Die Abkürzung der bürgerlich-demokratischen Partei in Bosnien und Herzegovina. Eine seltsame Verbindung von Aufmerksamkeiten.
Wir verpassten den Bus nach Belgrad, weil die Rezeption in unserem Hostel uns eine weitaus kürzere Zeit zum Bahnhof genannt hatte als wir letztendlich fuhren. Der Süden der Stadt war ein unglaublicher Kontrast zum Zentrum und zu den Landbezirken, die wir vor Sarajevo gesehen hatten. In den Landbezirken war zwar jedes zweite Haus neu gebaut aber unfertig und die Menschen lebten teilweise erst im Untergeschoß, während sich das Obergeschoß noch im Bau befand. Hier im serbischen Teil Sarajevos ragten nun Klinkerneubauten mit viel Glas und Stahl und vielen Stockwerken in die Höhe. Ein seltsames Phänomen waren die älteren Menschen und Familien, die an der wenig befahrenen Straße Richtung Bahnhof saßen und Zigarretten und Zeitschriften verkauften. Warum hier an dieser kaum befahrenen Straße, warum überhaupt diese Art von Handel? Im Westen Sarajevos hatte ich derartige Händler nicht gesehen. Ich will nicht spekulieren und hoffe einmal jemanden zu treffen, der mehr darüber weiß.
Wir fühlten uns ein wenig unwohl in der Gegend. Sei es, weil niemand englisch sprach, sei es, weil die Gegend sehr verlassen und wenig vertrauenserweckend wirkte. Wir aßen einen Burek mit Käsefüllung, der in dieser Gegend nicht so hieß (habe leider vergessen wie) und ich hatte ein seltsame Beklemmung in mir.
Wir stiegen in den Bus, ich begann in mein Buch zu schreiben:
„Ein letzter Blick über Sarajevo. Eine wunderschöne, bunte Stadt mit einer so traurigen Geschichte. Warum hat es diese Angriffe auf Zivilisten gegeben? Das War-Museum nannte es einen „Propagandakrieg“. die internationale Gemeinschaft spricht immer von „Ethnocide“. Ein spannendes Thema, aber noch ein wenig hoch für mich. Was heißt hier noch? Hat das jemals jemand verstanden? Hat jemals jemand den Holocaust verstanden? Wohl kaum und ein absolutes Verstehen wäre hier wohl nur ein Zeichen von Ignoranz. Was heißt HU?“
Wieder so ein Eintrag. Was die Abkürzung bedeutet, soll ich später nicht herausfinden. Ich schaute aus dem Fenster des Busses und ich sah das erste und einzige Mal, dass bei einem Haus mit Einschusslöchern die Löcher verputzt waren. Ansonsten wurde entweder gerade neu gebaut oder die Häuser wurden belassen wie sie waren.
In einer Pause schreibe ich ein Schild ab: „This Reconstruction-Program is financed by the EU, Hilfswerk Austria,... Überall ist alles im Aufbau. Überall Hunde am Straßenrand.“
Wir kommen an die Grenze. Es herrscht eine seltsame Stimmung. Ich sehe alles durch eine Brille der Emotionalität. Dabei ist der Diskurs um die Frage, wer nun der wirkliche Aggressor im Krieg war, bis heute nicht geklärt und meiner Ansicht nach auch nicht gerade fruchtbar.
Belgrad kam mir durch meine Brille erstmal unglaublich voll und unüberschaulich vor. Es war unglaublich heiß dort, als wir ankamen. Als Erstes erwarteten uns vier Fußballspieler, zwei 10- und 15-jährige Mädchen auf einem roten Sofa. M., einer der Spieler war ein wenig betrunken und verrückt und versuchte einen Käfer mit einer Kopfnuss zu töten oder seinen Freunden die Hose herunter zu ziehen, was ihm einmal auch gelang. Als M. anfing im Zimmer mit einem Fußball zu dribbeln nannte ich das scherzhaft einen „special serbian dance“. Vorher, und zwar als erstes ohne dass ich das Thema angesprochen hatte, hatte mir M. erklärt, dass ja alle Amerikaner und Deutschen „die Serben“ immer nur mit Krieg assoziieren würden und das „die Serben“ ja auch noch alles andere hätten: „Frauen und Bier“. Auf meine Bemerkung zu seinem „special serbian dance“ fasste er mich recht grob am Kopf und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. Ich hatte das Gefühl, dass ich da eine Grenze seines Nationalstolz berührt hatte. Ich hielt daraufhin meinen Mund.
Der nächste Tag in Belgrad war weniger aufregend. Katka und ich liefen einfach nur durch die Stadt und wegen der großen Hitze taten wir wurden alle Pläne aus unseren Köpfen gebrannt. Katka fuhr abends schon zurück nach Ljubljana und so hatte ich noch einen weiteren Tag alleine in der großen, wuseligen Stadt.
Ich tat an diesem Tag wieder einmal –aus dem Verständnis einer Arbeitsgesellschaft- nichts. Ich lief nur durch die Gegend. Doch gerade wenn man mit Zeit durch die Gegend läuft trifft man auf seine Speigelbilder: Menschen, die Zeit und Lust zum Reden haben.
Der Erste den ich traf war D.. Halbherzig auf der Suche nach einem Museum lief ich durch den schönen Park Fort Kaleghdan in Belgrad. Da rief eine Stimme von der anderen Straßenseite: “Can I help you?”. Ich erzählte D. von meinem gesuchten Museum und wir kommen ins Reden. So redeten wir. Zwei Stunden verbrachten wir im Schatten seines kleinen Informationshäuschens, zwei Stunden in denen er nur ab und zu einmal aufsprang um irgendwelchen Lieferanten die Schranke aufzumachen. Fuhren diese einen Volkswagen kommentierte D. zuverlässig: “German car, good car!”
D. erzählte mir von seiner Zeit im Kosovokrieg. Über die Albaner sprach er schlecht. Ihm zu Folge seien diese vor eniger Zeit nach Serbien gekommen. Und ganz plötzlich wollten sie halt ein eigenes Territorium. Er habe gesehen, wie Albaner auf Kinder geschossen hätten. Da erst habe er zurückgeschossen. Über den Bosnienkrieg hörte ich ganz andere Worte von ihm. Da wären die Kroaten und die Serben halt beide “stupid” gewesen.
Wir unterhielten uns über Bücher. Neben Michel Foucault und Edmund Forester erwähnte D. plötzlich Hitler. Auf meine Frage, was ihn an Hitler fasziniere, ist er vordergründig überzeugt. Dass Hitler alle zu “strong men” gemacht hätte, gefiel ihm. Dabei zeigte er auf seinen angespannten Oberarm. Als ich ihn fragte, ob Hitler nicht nur starke Männer machen konnte, weil der die Juden zur Abgrenzung als die Bösen dargestellt hatte, war sich D. schon nicht mehr so sicher. Er wüsste ja auch nicht, ob das alles so richtig war. Über die Politiker im Allgemeinen schimpfte er. Alle “selfish” und “stupid”. Auch die Amerikaner, als die interveniert haben. Über die Bombardements auf Belgrad sprach er dennoch gelassen. Er habe auf seinem Balkon gestanden und Kaffee getrunken, als die Bomben fielen. “Everywhere here...”, dabei zeigte er in der näheren Umgebung wo die Bomben fielen. Ein mulmiges Gefühl. Ob er keine Angst gehabt habe? Ein bißchen “strange” war es schon entgegnete er.
Da wieder ein deutsches Auto: “Good car, good car!” Deutschland ist super, ich nickte wie immer ohne Kommentar. Als wir auf seine serbische Filmempfehlungen zu sprechen kamen, ist der erste, den er nannte über den 28. Juni 1398, der Tag als die “Osmanen abhauten”, Nationalfeiertag in Serbien. Seine Lieblingsfilme sind amerikanisch, sein Lieblingsauto übrigens doch noch ein Landrover, kein Volkswagen. Warum er amerikanische Filme möge, wo er doch die Amerikaner an sich nicht möge? Damit seien wir doch schon von Kindheit an manipuliert worden.

...Fortsetzung folgt...