Der Blick des weit Gereisten
Der folgende Text behandelt ein Photo, das den zweiten Platz des Unicef-Wettbewerbs "Foto des Jahres 2007" gewonnen hat. Das Foto kann unter http://www.unicef.de/5075.html angeschaut werden.
Ein Photo kann einem manchmal eine Perspektive aufzwingen, die man eigentlich gar nicht haben wollte. Vielleicht ist es das, was wir von guten Photos erwarten. Eigentlich wollte ich ihnen nun einen hochintellektuellen Abklatsch liefern, weil man das eben so tut. Aber dieses Photo ließ es nicht zu und zwang mir die Sicht eines Reisenden auf, der mitten im fernen Bangladesh auf einem Tagestrip durch die ihm fremde Welt plötzlich auf den Jungen auf dem Photo trifft. Wie auch immer das Photo das mit mir machen konnte – ich muss notgedrungen als Erzähler fungieren und aus dem Tagebuch eines Bangladesh-Reisenden zitieren:
"Inmitten des bunten Treibens stand plötzlich dieser Junge. Ich hab ihn erst kaum gesehen und dann dafür um so stärker wahrgenommen. Diese Kraft, dieser Stolz... - es schien als wollte er noch die ganze Reihe Steine auf seine Schultern laden wollen."
Die Wahrnehmung des Reisenden ist von der sengenden Hitze und dem ganzen bunten Treiben schon ganz eingeengt. Er nimmt nur noch diesen Jungen wahr, alles andere erscheint ihm unscharf, mit zu viel Information beladen. Er bleibt stehen und beginnt zu grübeln:
„Diese Kraft, dieser Stolz, dieser Wille, aber warum macht der Junge das? Warum trägt er acht und mehr Steine auf dem Kopf? Er könnte doch auch weniger nehmen. Ich hab's! Vorne rechts der Junge, der hatte nur acht Steine und er trägt sie mit einem Lächeln! Der Junge will sich also mit dem anderen messen, indem er mehr nimmt! So wie das Kinder eben tun.“
Waren sie schon einmal in Bangladesh? Wenn nicht, sie brauchen gar nicht da gewesen zu sein. Das Photo gibt ihnen das Gefühl selbst gereist zu sein. Und es gibt ihnen ein besonders gutes Gefühl des Reisens. Es hat nicht umsonst einen zweiten Platz von Unicef bekommen, denn es vereint ihre verschiedensten Erwartungen an das Reisen. Es ist nicht wie die anderen Photos von Kindern mit Hungerbäuchen und wehleidigem Gesicht, wie wir sie aus Spendenbriefen, Massen-Emails und Fernsehen kennen. Dieses Photo reizt mit etwas exotisch anderem, einem fremdartigen Abenteuer in dem wir in unserem wohlgemeinten Multikulturalismus trotz allem Ähnlichkeiten zu unserem eigenen Leben entdecken können. Das ist es, was Photos leisten müssen.
Unser Reisender kommt nun langsam zurück von seiner Reise und denkt nach über das, was er gesehen hat. Und jetzt erst, wieder zu Hause angekommen in seinem Fernsehsessel, stellt er fest, dass es ja Kinder sind, die da so hart arbeiteten. Kinder, die sich spielerisch zu messen schienen, wie seine das gerade an der Playstation tun. Nur dass die Kinder in Bangladesh spielerisch mit einer schweren Arbeit umgehen und dafür weniger als einen Dollar am Tag verdienen.
Und so landet der Reisende und auch wir beim Schlagwort für den Spendenwilligen, dem kulturrelativistischen Merksatz für den Entwicklungshelfer: „Hilfe zur Selbsthilfe leisten“. Und so lässt ihn die Reise nach Bangladesh und uns die Reise in ein Photo unweigerlich zur Tasche greifen oder bequem eine Online-Überweisung ausfüllen. Denn diesen Jungen so viele Steine tragen zu lassen, das müssen wir ihm wirklich nicht zumuten. Bei so viel Willenskraft könnte aus dem bestimmt auch was Besseres werden.