Die Logik des "entscheidenden Augenblicks"
Gedanken über Henri Cartier-Bresson im Film „Biographie eines Blicks“ von Heinz Bütler
"Oh dieses Wissen!" Henri Cartier-Bresson steht in einer Galerie vor einem Bild und sinniert über die Mathematik. Er sieht kein logisches Denken. Wo andere eine klare Logik sehen würden, sieht Cartier-Bresson etwas Mystisches, für ihn Unerklärliches. Wo andere in einer Photographie ein einfaches Abbild der Realität sehen würden, sieht Cartier-Bresson etwas Mystisches.
Ich sehe Henri Cartier-Bresson in dem Film „Biographie eines Blicks“ von Heinz Bütler und denke nach über die Logik des Photographen. Ich sehe seine Bilder und sehe in vielen der Werke eine klare Geometrie, eine klare Anordnung der Dinge. Aber die Logik des Photographens schien keine Logik mehr gewesen zu sein. Er schien eine Logik zur Intuition entwickelt zu haben. Diese Logik muss Cartier-Bresson entwickelt haben während er in Paris Malerei studiert hatte. Erst nach diesem Studium sollte es Cartier-Bresson zur Photographie ziehen, die ihn dann für beinahe sein ganzes Leben begleiten sollte. Und die ihn berühmt machen sollte. Für seine Bilder, aber auch für seine Technik beim Photographieren. Und diese Technik war für ihn immer eine intuitive, keine logische Technik: Ein einfaches Sehen, Kamera hoch, abdrücken. Viel mehr hatte der Photograph nie vom Akt des Photographierens gesprochen. Photographie war für ihn in erster Linie Intuition, ein Sinn für, wie er es beschrieb, den „entscheidenden Augenblick“.
Roland Barthes beschrieb einst jenen vielsagenden Unterschied zwischen dem „studium“ und dem „punctum“. Das „studium“, so Barthes, ist eine „Hingabe, das Gefallen an jemandem, eine Art allgemeiner Beteiligung, beflissen zwar doch ohne besondere Heftigkeit (Barthes 1989 : 35). Das „studium“ ist ein Grund, warum Cartier-Bresson's Bilder so berühmt wurden. Wie viele Menschen waren es doch, die sich seinen Photos hingaben.
Aber das „studium“ war es nicht, was den Photographen und Maler selber beschäftigte. Am Ende der "Biographie eines Blicks" sehen wir ihn auf dem Dach eines Hauses stehen. Wir sehen einen alten Mann, der nicht mehr photographiert, dafür aber wieder angefangen hat zu malen. Er deutet mit dem Finger über die Dächer der Stadt und spricht über die Malerei: "Da steckt ja doch mehr drin." Er scheint sich auf die Malerei zurück zu besinnen um irgendetwas an seiner Photographie zu verstehen.
Roland Barthes beschreibt das „punctum“ als „jenes Zufällige an ihr [einer Photographie], das (...) besticht.“ (Barthes 1989 : 36). Im Film sehen wir Henri Cartier-Bresson, wie er sich wie ein Kind spielerisch der Malerei hingibt. Er zeigt uns seine Zeichnungen, nennt einen einsamen Fleck auf dem Papier seine Tochter. Bei einer anderen Zeichnung schaut er uns fragend an: „Die ist doch nicht schlecht, oder?“ Er scheint uns zu fragen, ob uns etwas an der Zeichnung besticht.
Vielleicht versuchte er in der Malerei mit der langsameren Hingabe an seine Umgebung jenes „punctum“, jenes Bestechende, zu verstehen, das seine Bilder neben ihrer Berühmtheit auch noch ausmachte. Vielleicht versuchte er auch jenen „entscheidenden Augenblick“ zu verstehen, der für ihn nach so vielen Photos schon intuitiv geworden war. So sehen wir den ehemaligen Photographen in jener Galerie vor jenem Bild stehen: „Oh, dieses Wissen!“ Und plötzlich sehen wir doch einen Logiker. Einen Logiker, der die Intuition zu verstehen suchte.
Literaturangabe:
Barthes, Roland: Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie (1989), Frankfurt a. M.: Suhrkamp.