Runterkommen in Istanbul

Es ist jetzt 17.00 Uhr abends hier im anatolischen Teil von Istanbul. Ich sitze auf einem warmen Bett im zehnten Stock nachdem mich Efe und seine Großmutter herzlich begrüßt haben. Seit gestern abend habe ich noch nicht geschlafen. Um 3.20 Uhr türkischer Zeit landete heute morgen mein Flugzeug. Anstatt dem üblichen Plan zu folgen, nachts noch mit dem Bus zu Efe zu fahren, hatte ich mich spontan entschlossen mit Mine, einer deutsch-türkischen Studentin für Gemälderestaurierung in Dresden, die Nacht durch zu plaudern und Tee zu trinken. Wir setzten uns an den Taksim-Platz in ein Café, plauderten über die Gastarbeiter in Deutschland, zu denen einmal Mines Eltern gehörten, über Gemälderestaurierung und mit einem Kellner, der arabisch, türkisch, kurdisch, deutsch und a little english lernt. Dabei erfuhren wir doch tatsächlich, dass es im Osten der Türkei eine Stadt gibt, in die vor 600 Jahren Araber einwanderten und bis heute dort arabisch sprechen. Der Kellner war nämlich ursprünglich Araber, weiß aber nicht mehr, woher seine Familie genau kommt.Wir wechselten den Platz, um so gegen fünf zu frühstücken. Auf einer Terrasse mit Blick über den Taksim Platz und lernten wir Ilker kennen, der gerade in Bielefeld sein Studium der Elektrotechnik beendet hat und gerade zurück nach Istanbul gezogen ist. Wir saßen dort bis um 11 Uhr und mir fallen zwischendrin immer wieder die Augen zu, weil ich einfach nicht mehr zuhören konnte. Nach mehreren Tees und Kaffees beschlossen wir aufzubrechen.
Ich ging mit Ilker ein wenig durch die Stadt. Es ist heiß, ich sehe die größte Ansammlung von Anglern, die mir je vor Augen war, auf einer der unglaublichen Zugbrücken, die sogar Straßenbahnschienen mitheben. Ilker führte mich durch die steilen und steinigen Straßen, ich stolperte mit meinem Koffer, der sich dabei gut hielt, hinterher. Nachdem mir Ilker noch beim Wegschließen meines Koffers geholfen hatte, machte ich mich allein auf die Tour. Ich lief Richtung Blaue Moschee, viele Touristen kamen mir entgegen, ich war scheinbar einer von ihnen. Auf dem Platz vor der Ayasofya wimmelt es von Bücherständen, Zimit-Ständen (Sesamringe) und Männern, die Teppiche verkaufen wollen. Ich entschließe mich da nicht reinzugehen, lieber weiter Richtung SultanAhmet-Moschee. Ich komme gerade vor dem Gebäude an, da beginnen die Muezzine von den Minaretten der Blauen und dann auch der Neuen Moschee zu singen. Sie antworten sich, der Mann von der Neuen Moschee bringt seinen Satz immer etwas später als ihn der Andere von seinen acht Türmen herunterbrüllt. Eine unglaubliche Darbietung: Ich lasse mich bezaubern.
Dann bin ich müde. Das viele Laufen, vor allem mit Koffer, lässt mich in einen Park abwandern. Ich entdecke ein Wissenschaftsmuseum, aber ich setze mich lieber auf eine Bank um etwas auszuruhen. Beinahe schlafe ich ein, kann nur mit Mühe und im letzten Moment wieder und wieder meine Augen öffnen. Irgendwann wird es Zeit und mir zu bunt. Ich hole meinen Koffer und gehe zum Schiffsanleger, wo ich mich mit Efe treffe.
Wir fahren mit dem Schiff durch die Istanbuler Nacht. Die Mädcheninsel, der Haydarpasa-Bahnhof mit der schönen persischen Aufschrift, alles nie gesehen, alles unglaubliche Eindrücke. In Kalikoy nehmen wir den Dolmus (Minibus) und fahren zu Efe nach Hause. Ein großes Haus mit Tor, Portier und Nachtwächter, zehnter Stock. Seine Großmutter begrüßt uns, sie hat mal in Göttingen gelebt. "Weender Straße", sie kann leider kein Deutsch mehr. Ich versuche, auf Türkisch höflich zu sein und lasse mir von Efe die Wohnung zeigen. Auf einer Etage wohnt er mit seiner Großmutter, eine tiefer wohnen seine Eltern. Efe war auf einer deutschen Schule, deswegen verstehen wir uns super und auch nach einem Essen mit seinen Eltern verstehen wir uns weiter so. Wir fahren mit dem Auto in eine Kneipe (nein! Wie nennt man das hier?!) und bestellen Wasserpfeife und Tee. Kaya, ein Freund von Efe, war auf einer österreichischen Schule in Istanbul und spricht lupenrein östereichisch. Wir schauen das Spiel Besiktas gegen Manchester United, während ich mit Kaya und seiner Freundin Malve über Walter Benjamin, Homi Bhabha und die Jetzt-Zeit diskutiere. Zwei außerordentlich gute Gesprächspartner, ein außerordentlich gutes Gespräch.
Gegen Ende muss ich unbedingt noch die richtige Wasserpfeife mit purem Tabak probieren, Tömbeki heißt die, siehe Foto. Wir fahren nach Hause und versprechen ein Wiedersehen.
Jetzt bin ich eben wieder hier im zehnten Stock, nachdem die Tömbeki mein Bewusstsein etwas erweitert hat und ich mich frage. Wie kann man eine derart große Stadt wie Istanbul wahrnehmen? Wie kann man einen Weg durch dieses ganze Gewusel finden, wie einen Platz? Ich bin verwirrt, schlafe ruhig ein und versuche, einen Plan für den nächsten Tag zu machen. Daraus soll jedoch nicht viel werden.