Von Atatürk und Menschen
Heute ist der erste Tag, an dem hier richtig was passieren soll. Ich habe mit Arif gesprochen, dem lustigen Portier vom Wohnheim, der sein Englisch nur von Erasmus-Studenten gelernt hat und mir jetzt Türkisch beibringt. Er hat viel Zeit bei seinem Job, sitzt nebenbei vor Facebook oder schließt Fußballwetten ab. Sein Kollege hat vorgestern 200 Lira dabei gewonnen. Bisher ist es immer noch still hier. Klar, die Bauarbeiter machen Lärm, denn das Wohnheim soll vor Unibeginn noch einmal richtig renoviert werden. Aber von Studenten wenig Spuren.
Gestern war ich mit Burcu im Atatürk-Mausoleum und habe mit Erschrecken festgestellt, dass ich niemals ein Türke werden kann. Denn, so hat es Atatürk einmal gesagt: Türken sind nur die, die vor jeder anderen Sprache türkisch können. Passend dazu habe ich auch schon Geschichten vernommen, wie unmöglich es als Einwanderer ist, jemals einen türkischen Pass zu bekommen. Burcu ist dennoch überzeugt von Atatürks Leistungen. Klar ist der Mythos unglaublich, dass Atatürk während des Krieges 275 kg schwere Granatgeschosse alleine zur Kanone getragen haben soll. Aber was Atatürk für die Frauen im Land getan hat bleibt unantastbar. Eine ganze Wand hängt voll mit Bildern der ersten Hochschulabsolventin bis zur ersten Kampfpilotin Sabiha Gökgen. Langsam tastet man sich dort in einem langen Gang von Wand zu Wand. In großzügigen Nischen offenbaren sich Atatürks Errungenschaften als leicht verständliche Portiönchen. Zwischendrin unterbricht ein General den Heldenmythos und macht darauf aufmerksam, dass auch noch andere Menschen am großen Befreiungskrieg beteiligt waren, der die Türkei zur Republik führte. Darauf hatten mich auch andere Darstellungen des Krieges aufmerksam gemacht: Ein langes Bild des Krieges, auf dem Atatürk erst mit der Kanonenkugel erscheint als wäre er um einige Jahre älter und dann als Kommandeur auf einem Hügel, während sich rund um ihn ein Krieg abspielt, in dem kein Blut fließt. Leise im Hintergrund erinnern regelmäßige Kanonenschläge und Maschinengewehrgeratter, dass es auch so etwas wie Gewalt im Krieg gab.
Vor dem Bild will ein menschenleerer Nachbau eines Schützengrabens die ganze Inszenierung noch ein wenig mehr Richtung Realität rücken, die ganz anders ohne den großen Atatürk gekommen wäre. Am Ende hängt eine Landkarte: So und nicht anders hätte die Türkei ausgesehen, wenn er nicht gewesen wäre. Armenien wäre gar riesengroß, Izmir und Istanbul lägen in Italien. Scherzhaft weise ich Burcus Schwester daraufhin, dass sie dann gar nicht nach Venedig in die Flitterwochen fahren muss, wie sie es gerne möchte. Ich kann mir vorstellen, dass Istanbul unter italienischer Hand ähnlich aussähe.
Das Mausoleum von Atatürk sollte ich gleich zwei Mal sehen. Zuerst ist da dieser große Bldschirm, auf dem in gleichmäßigen Bewegungen eine Kamera wie ein Pingpongball über die Grabstätte streichelt. Das lässt hoffen, dass die Stätte selbst einen gesunden sakralen Charakter besitzt. Und ja: Über dem Grab sorgt ein goldverziertes Mosaik, das funkelt wie tausend Sterne, dafür, dass der große Mythos sich in sanften Träumen wiegt. Für den guten Duft sorgt ein Strauß Blumen, der sich an Atatürks Todestag am 10. November (ich hörte zunächst verschiedenes) vervielfältigen wird.
Ich bin bewegt, als ich aus dem Mausoleum hinaus an die frische Luft gehe. Ich bin geblendet von dem hellen Licht, denn ich hätte gerne noch weiter in Atatürks Privatbibliothek gestöbert, die neben der Generalgeschichte auch ein paar sehr interessante alte Bücher über die "Völker Europas" barg. Die Bibliothek lässt vermuten, dass Atatürk unglaublich sprachgewandt war. Bücher in persisch, französisch, deutsch, englisch sind dort in Ewigkeit hinter Glas verfasst. Atatürk selbst sprach jedoch außer türkisch nur französisch.
