Ein Tag in Amasya

Der erste Eindruck:
Die beiden machen sich lustig!
Sie haben schon viele Couchsurfer
getroffen.
Einen Tag später
scheinen sie ihre Meinung
geändert zu haben.
Ibrahim und Yusuf
begegnen mir sehr offen.
Am Abend zuvor:
Europäer akzeptieren den Islam nicht.
Lauter Worte!
Meine Frage, warum Mohammed
so viele Abgrenzungen gegen
Ungläubige schrieb,
löst obige Reaktion aus.
Ich lerne viel,
auch wenn ich
nur
ein Europäer bin.

Wir gehen zu einem alten Sanatorium,
zwei Männer spielen alte
osmanische
Lieder.
Einer spielt Sas,
der andere singt.
und spielt ??? (das liegende Ding mit den Saiten und Schaltern)
Andere Männer
kommen in den Raum.
Einer war 24 Jahre in Deutschland.
Wir sprechen Deutsch,
Fassadenarbeiter war er,
dann verschiedenes,
Dolmetscher später innerhalb der Firma.
Seine Chefs wollten ihn nicht weglassen,
warum ging er doch zurück?
Schulternzucken,
eines Tages wollte er halt plötzlich zurück,
sagte das seiner Familie
und ein Freund sagte ihm:
Wegen der Inflation
in der Türkei
könne man dort reich werden.
Es geht eben rauf und runter.
Er setzte auf Marmor,
erfolgreich.
Heute ein Geschäft in Istanbul
und eines in Konja.
Er heißt Kaya mit Namen,
ich solle mich melden,
wenn ich wiederkomme.
Hier in Amasya,
seiner Heimatstadt,
kennt ihn jeder.
Immer an Feiertagen
kommt er hierher,
in seine Heimat,
sonst ist er in Istanbul.
Als Rentner bekomme man sonst
nur 400 Lira im Monat.
Er aber hat Arbeit
und er spricht gut Deutsch.
Weil er eben Dolmetscher war!

Yusuf und Ibrahim
wollen weiter.
Ich möchte aber
noch etwas
über die Musik wissen!
Sie sind alte Melodien
die man auf unterschiedliche Weise
spielen kann.
Ich sehe nur zwei
und entdecke die Schalter.
Dann muss ich leider gehen,
nächsten Sommer kann ich
zum Lernen kommen.
Auch wenn der Mann
selbst kein Arabisch kann.
Was die Lieder bedeuten?
Keine Ahnung.

Wir sitzen zu viert
in einem leeren Tourilokal:
Yasin, Yusuf, Ibrahim und ich.
Ich werde Heiry Petter,
wegen meiner Brille.
Ibrahim Charlie Chaplin,
warum auch immer.
Yusuf dreht ein Video,
wir lachen viel.
Vorher habe mich Yusuf
über den Islam gesprochen.
Er ist überzeugt,
dass die Welt
ein besserer Ort wäre,
wenn alle den Islam akzeptieren würden,
sprich: wenn alle Muslime würden.
Auf alle meine Fragen
hat er eine Antwort:
Was im Moment im Iran passiert?
“Uncle Sam” und die Ungläubigen.
Mohammed habe Christen
schließlich
in Moscheen
beten lassen!
Damit sie den Islam,
die vollendete Religion,
annehmen?
Nein,
einfach so,
weil er von Allah
auserwählt wurde.
Schließlich waren damals
die meisten Menschen
Analphabeten.
Wie konnte Mohammed den Koran schreiben,
in höchstem,
bis heute unverständlichen
Arabisch?
Gott hat durch Mohammed gesprochen,
nicht Mohammed hat gesprochen.
Deshalb
suchen Muslime
den direkten Weg zu Allah.

Wir besuchen eine Koranschule,
früher Mätresse.
Einige Koranschüler
sitzen auf einer Bank.
Sie kennen Yusuf und Ibrahim.
Ibrahim hält sich trotzdem
mehr zurück.
Er scheint einen anderen Weg
als Yusuf zu gehen?
Ich kann nur raten,
Yusuf ist begeistert.
Ein Schüler erklärt sich bereit,
mit ernster Miene,
einige Verse zu rezitieren.
Auswendig,
wie Yusuf betont.
Denn in der Koranschule
lernt man in vier Jahren,
den ganzen Koran
auswendig.
Wir gehen in einen der Räume
knien nieder (außer Ibrahim).
Ich lausche aufmerksam,
ja, das ist magisch!
Es ist ein vertiefter,
besonnener,
aber auch irgendwie trockener
Ausdruck
im Gesicht des Schülers.
Der Raum scheint sich
mit den anderen Räumen
in dem Kreis der Schule
(Was für eine interessante Anordnung!)
zu vereinen.

Danach setzt Yusuf
seine Abhandlungen
fort.
Er holt sein I-phone
mitsamt einer
Rezitationssoftware
aus der Tasche.
Fragt den Schüler,
welche Sure das war
und zeigt mir
die deutsche Übersetzung.
“Allah ist der einzige...”
“Nur wer den ganzen Koran kennt...”
Solche Aussagen.
Yusuf ist begeistert.
Er sagt,
ich solle den ganzen Koran
lesen,
erst dann
würde ich den ganzen Zusammenhang
des Buches finden.
Und ich solle mein Herz
zu Gott öffnen,
dann würde er mich annehmen.
Ich nicke,
weiß nicht genau,
ob ich das will
und frage mich,
wenn Mohammed ein Mittler
für die göttlichen Suren war,
warum das dann ein I-Phone
auch so einfach sein kann?
Aber ich frage nicht,
denn ich möchte
tatsächlich
den Koran verstehen.
Vieleicht anders als Yusuf
aber wenigstens verstehen.

Wieder im Lokal,
wir sprechen über Mädchen.
Zuvor hatte Yusuf
mir erklärt,
er könne keine Frau schön finden,
die nicht seine sei.
Jetzt zählt er Frauen auf,
von Lopez bis Cruz,
unbeeindruckt,
aber er kennt sie.
Ob sie alle eine Freundin haben?
Yasin heiratet
in fünf Monaten.
Ibrahim scherzt,
dass alle Frauen
ohne “boyfriend”
seine Freundinnen seien.
Yusuf sagt, dass er
immer wenn er eine Freundin hatte,
nach zwei Tagen
überall schönere Frauen fand.

Sie alle handeln aus,
so wie ich,
zwischen Idealen und Beziehungen,
großen Ideen und dem wirklichen Leben,
bis wir eines Tages unseren
Weg gefunden haben.

Wir gehen zum Gebet
lachen in der Moschee
neben den Särgen.
Die drei beten,
ich setze mich hinter sie
und höre zu.
Erst jeder für sich,
dann gemeinsam.
Yusuf mimt
den Muezzin
mit der Kappe von Mohammed.
Er dreht sich den anderen zu,
weg von Mekka,
so wie man das eigentlich nicht macht.
Ich staune!
Wie die drei erst sehr konzentriert beten
und dann plötzlich wieder lachen.
Am Ende kommt das obligatorische
Spucken über jede Schulter.
Einmal für den guten
und einmal für den bösen
Engel.
Später erklärt mir Ibrahim:
“Islam is not only a religion,
Islam is a lifestyle!”
Denn Mohammed sagte schon früh
dass gerade
Kinder
in die Moscheen kommen.
Sie spielen dort,
das erste
was mir
am Islam gefiel.
Denn so etwas gibt es
in Kirchen nicht.