Was ist Kultur? Erster Teil

Die drei großen Theorien: Evolutionismus, Funktionalismus, Strukturalismus.

Einleitung
Nach einer längeren Zeit        der Auseinandersetzung mit poststrukturalistischen, postmodernen und postkolonialen Theorien erscheint mir die folgende Auseinandersetzung wie das Schauen hinter einen Spiegel. Den einzigen Sinn, den ich in der ernsthaften und systematischen Beschäftigung mit dem Evolutionismus, Funktionalismus und Strukturalismus finden kann, ist die Möglichkeit eines Identifizierens jener machtvollen Diskurse, die mein kulturwissenschaftliches Denken bis heute beeinflussen, begrenzen und bereichern.
Es muss ein Wesen großer Theorien sein, dass sie auf unbefriedigte Bedürfnisse von Menschen, die etwas auf sich halten, befriedigende Antworten geben können. Mit großen Aufträgen versehen stolzieren noch heute bedeutende Wissenschaftler über den Erdball (und darüber hinaus), um jene großen Fragen zu beantworten, die die Menschheit bewegen. Die im Folgenden betrachteten Theorien haben diesen Anspruch gemeinsam: Als Großtheorien versuchten sie jene Fragen zu beantworten, die bis heute existente Vorstellungen allgemeiner Gültigkeit prägen.

Evolutionistische Behauptungen
Es muss ein erhebendes Gefühl für Edward B. Tylor gewesen sein, als er seinen 1873 erschienenen Aufsatz über die „Culturwissenschaft“ mit den folgenden Worten begann:

Cultur oder Civilisation im weitesten, ethnographischen Sinne ist jener Inbegriff von Wissen, Glauben, Moral, Gesetz, Sitte und allen übrigen Fähigkeiten und Gewohnheiten, welche der Mensch als Glied der Gesellschaft sich angeeignet hat. Der Zustand der Cultur in den mannigfaltigen Gesellschaftsformen der Menschheit ist, so weit er sich auf der Grundlage allgemeiner Principien erforschen lässt, ein Gegenstand, welcher für das Studium der Gesetze menschlichen Handelns wohl geeignet ist. (Tylor 1873: 33)

Wie lange hatte er nach diesen einfachen Worten gesucht, die jene komplizierte Annahme beschreiben sollten, die ihm Ruhm und Anerkennung bescheren sollte?! Worte, die einen Ausweg geben sollten aus dem Dilemma, in dem sich die Menschheit Ende des neunzehnten Jahrhunderts befand. Wie viele hatten vor ihm und mit ihm versucht, jene drängenden, grundlegenden Fragen zu beantworten: Wer sind wir? Was ist der Mensch? Welche Stellung haben wir in der Welt?
Da gab es Charles Darwin, der erst kurz zuvor 1859 das bahnbrechende Buch „The Origin of Species“ veröffentlicht hatte, mit dem er überzeugen konnte, dass der Mensch eine Fortentwicklung der Natur sei, eine bessere Version von Affe und Wirbeltier. Oder Herbert Spencer, der den menschlichen        Geltungsdrang mit seiner heute noch viel programmatischeren These eines „survival of the fittest“ befriedigte.
An diese hervorragenden Menschen seiner Zeit muss Tylor gedacht haben, als er mit der obigen, umfassenden Aussage die „Culturwissenschaft“ als eine Wissenschaft begründete, die sich von nun an ernsthaft mit der Erforschung anderer Kulturen beschäftigen sollte. Anders als Johann Gottfried Herder, der zwar behauptet hatte, es gäbe andere Völker, jedoch müsse man feststellen, ob diese auch Kulturvölker seien, ging Tylor davon aus, dass Kultur ein Merkmal aller Völker der Welt sei. Lediglich in ihrer Ausdifferenziertheit unterschieden sich Kulturen, behauptete Tylor, und begründete eine Wissenschaft, die die Menschheit nicht nur in ihrem Geltungsdrang, sondern sogar in ihrer Suche nach Wurzeln befriedigen konnte. Denn betrachten wir die Aussage Lewis Henry Morgans, der 1877 nur vier Jahre nach Tylor die Stellung der Menschheit noch einfacher auszudrücken wusste mit seiner berühmten Annahme einer historischen Genese von Wildheit zu Barbarei zu Zivilisation – vom Einfachen zum Komplexen –, stellen wir fest, dass der Antrieb der Wissenschaftler dieser Zeit so komplex nicht gewesen sein kann. Und doch müssen wir anerkennen, dass sein hervorragendes Werk Edward B. Tylor 1875 die Ehrendoktorwürde in Oxford bescherte, worauf 1912 ein Adelstitel folgte, und dass das Konzept des Evolutionismus bis heute in zahlreichen, pragmatischen Ideen vom Fortschritt der Moderne fortgeschrieben wurde und wird.

Funktionalistische Vorhaben
Anerkennen müssen wir die Errungenschaften des Evolutionismus alleine auch deshalb, weil seine Theoretiker ein Denken in Zusammenhängen zwischen einer Zivilisation und anderen Kulturen etablierten. Nun galt es jedoch in einer Zeit des Fortschritts, in der den Naturwissenschaften zunehmend eine vorherrschende Stellung in der Produktion von Wissen zuerkannt wurde, eine Methode zu etablieren, die der evolutionistischen Suche nach der Natur des Menschen bei den Anderen eine solide Grundlage gab. Bronislaw Malinowski konnte ein solches Werkzeug liefern und damit dem Vergleich von Kulturen eine neue Basis geben. Er schrieb 1949 zum Funktionalismus:

Der Funktionalismus, soweit er in jeder anthropologischen Untersuchung gegenwärtig ist, bemüht sich, das Wesen der Kulturphänomene richtig zu verstehen, bevor er sie irgendeiner spekulativen Behandlung unterwirft. (Malinowski 1949: 19)
Richtig verstehen, das heißt eine Gesellschaft in ihrem Wesen zu erfassen, hieß für Malinowski, beobachtbare Praktiken präzise zu sammeln und systematisch darzustellen, um ihre Funktion auf biologische Bedürfnisse zurückzuführen. Der Diskurs, den Malinowski damit für die Anthropologie begründete, ordnete (1) die Begriffe „Nähe“ und „Phänomen“ einer systematischen und naturwissenschaftlich rationalen Perspektive zu, und führte (2) den Sinn einer jeden sozialen Praxis und eines jeden kulturellen Artefakts auf eine biologische Ursache zurück. Zwar löste sich Malinowski damit teilweise von der evolutionistischen Überheblichkeit einer Zivilisation über anderen Völkern und definierte Kultur naturwissenschaftlich unbedarft als „instrumentellen Apparat, durch den der Mensch in die Lage versetzt ist, mit den besonderen konkreten Problemen, denen er sich in seiner Umwelt und im Lauf der Befriedigung seiner Bedürfnisse gegenüber gestellt sieht, besser fertig zu werden“ (Malinowski        1949: 21f.). Allerdings grenzte er mit seiner naturwissenschaftlichen Perspektive andere Möglichkeiten kulturellen Kontakts aus, die später in Folge der Veröffentlichung seiner weniger rational verfassten Tagebücher diskutiert werden sollten.

Strukturalistische Klärungen
Die Vorstellung von Nähe und der Möglichkeit einer systematischen Dokumentation von Kulturen schuf einen Mythos, der den Weg für eine weitere große Theorie eröffnete: den Strukturalismus. Schon bei Malinowski finden wir dessen Fragestellung:
Gibt es ein universelles, auf alle Kulturen anwendbares Schema, das als Wegleitung bei der Aufnahmearbeit oder als Koordinatensystem bei vergleichenden Untersuchungen dienlich sein könnte, irgendein geschichtliches, evolutionistisches Schema oder eines, das auf dem allgemeinen Gesetz der Entsprechung aufbaut? (Malinowski 1949: 19) Claude Lévi-Strauss, der in diesem Jahr für eben eine solche Entdeckung zu seinem hundertjährigen Geburtstag geehrt wurde, ging von einem solchen Schema aus. Mit dem Strukturalismus räumte er mit jener Idee von Vormachtstellung auf, die Kolonialismus und Evolutionismus in die erhobenen Köpfe okzidentalischer Wissenschaftseliten gelegt hatten. Aufbauend auf der Idee eines Kulturrelativismus, wie er ihn unter anderem von Franz Boas gelernt hatte, ging Lévi-Strauss nicht nur von einer relativen Unabhängigkeit verschiedener Kulturen aus, sondern stellte einen gleichberechtigenden Zusammenhang zwischen ihnen her. Wie Thomas Assheuer zusammenfasst:

Auf den ersten Blick sind die Mythen, die sich die Menschen seit Jahrtausenden erzählen, von verwirrender Vielfalt; tatsächlich aber, so behauptet LéviStrauss, folgen sie unsichtbaren Mustern und invarianten Strukturen. (...) Die Figuren in solchen Geschichten sind austauschbar (...). Identisch jedoch sind die Strukturen, die sich unter der narrativen Oberfläche verbergen. (Assheuer 2008)

Mit der Annahme gleicher Strukturen in fast allen Gesellschaften auf der Welt vollzog Lévi-Strauss einen „unerhörte[n] Akt der Gerechtigkeit, eine Ehrenrettung und späte Anerkennung der nichtwestlichen Kulturen“ (Assheuer 2008). Er schuf die Grundlage für eine neue Beschäftigung mit jenen anderen Gesellschaften, die auf einer Idee von Gleichwertigkeit und Anerkennung beruhte und evolutionistischen Denkern seine beruhigende Basis raubte.

Abschließende Reflexionen
Im gleichen Zug schuf Lévi-Strauss die Basis für dieses Essay. Ich gehe davon aus, dass die beschriebenen Diskurse bis heute fortwirken, nehme also seine Ideen auf, erweitert durch die Gedanken von Michel Foucault, Pierre Bourdieu und anderen. Dabei bin ich mir bewusst, dass es sich bei Letzteren keineswegs um bloße Erweiterungen handelt. Im klaren Bewusstsein eines Bruchs empfinde ich mein eigenes Gefühl, das mir Schwierigkeiten bereitete, einen klaren Blick hinter die mir nahen poststrukturalistischen, postmodernen und postkolonialistischen Diskurse zu bekommen, als erschreckend und doch beruhigend. Der Blick hinter einen Spiegel lässt tatsächlich nur schwer ein Verstehen zu. Er kann aber leisten, dass ich mir meiner eigenen Position in und zwischen den beschriebenen Diskursen bewusster werde.

Zitierte Literatur:
Assheuer, Thomas (2008): Wir Barbaren. In: Die Zeit, Nr. 48 vom 20.11.2008. Im Internet: http://www.zeit.de/2008/48/Levi−Strauss−100 (2.12.2008, 16.45 Uhr)
Malinowski, Bronislaw (1949): Eine wissenschaftliche Theorie der Kultur. Frankfurt a.M.: Suhrkamp (1975)1
Tylor, Edward B. (1873): Die Culturwissenschaft. In: Schmitz, Carl-August (1963): Kultur. Frankfurt a.M.: Akademische Verlagsgesellschaft.