So vieles festhalten wollen...

Ich laufe durh die Gegend und sehe überall Sachen, die ich gerne festhalten würde. SO viele interessante Alltäglichkeiten, die ich schon irgendwie vermissen werde. Die kleinen Kafes in der Uni, in denen man allerlei kleine Süßigkeiten, Gamburger, Butterbroti und immer gesüßten Tee trinken kann. Die kurzen Treffen mit Studenten aus aller Welt auf dem Weg zur Uni. Der noch kürzere Austausch auf einer unglaublich schweren Sprache. Der müsame aber fruchtbare Austausch über die kompliziertesten Themen in Sprachpraxis.Vor allem das Lernen und das Gefühl, Russisch lernen zu können, wird mir fehlen. In Bremen wird es bestimmt wieder mühsam zu lernen, die Bachelorarbeit naht und das Umschalten auf selbige wird sicherlich nicht so einfach.
Nichtsdestotrotz freue ich mich, wieder zu kommen, euch noch mehr meiner Erinnnerungen mitzuteilen, diesen ganzen Monat zu verarbeiten und meine Schlüsse daraus zu ziehen.
Man wird tiefsinnig im kalten Osten. Die Sprache allein, so präzise, so vielseitig, lädt ein, auf ganz anderen Ebenen zu denken. Viele Wörter sind nicht direkt übersetzbar, die Grammatik teilweise kaum denkbar. WIr haben zum Beispiel gerade Partizipien gelernt. Im Russischen gibt es vier PArtizipien: Aktives und passives Präsens, aktive und passive Vergangenheit. Zusammen mit der Tatsache, dass es unvollendete und vollendete Verben gibt, wird das Ganze delikat. Unvollendete Verben drücken Prozesse aus, vollendete Verben abgeschlossene Handlungen. Das bedeutet, dass man zum Beispiel mit einem Partizip sagen kann, dass jemand beispielsweise in der Vergangenheit gewandert ist, ohne das bis heute abzuschließen. Solche Kleinigkeiten herauszufinden, ist allerdings ein längeres Projekt, wenn man zum Beispiel Gedichte analysiert.
In der gesprochenen Alltagssprache tauchen Partizipien, so weit ich das bisher mitbekommen habe, nicht so viel auf. Es bleibt also bei der Schriftsprache, sich so komplex auszudrücken. In diesem Sinne ähnelt Russisch in der Wissenschaftssprache dem Deutschen. Nur das man im Russischen keine Schachtelsätze, sondern nur einzelne präzise gebrauchte Wörter braucht.
Die Fotografie treibt mich wieder um, aber ich wehre mich dagegen, alles auf Fotos festzuhalten. Es stirbt ja nicht, ich kann ja wieder kommen. Und dennoch hätte ich gerne einige wohlüberlegte Bilder. Vor ein paar Tagen wollte ich den Schuster hier aus dem WOhnheim fotografieren. Er hat für ein paar Rubel meine Bergschuhe, die ich kürzlich von Bernd geschenkt bekam, mit ein paar Stichen wieder wie neu gemacht. Er sitzt ganz unten im Keller, von 10 Uhr bis 17.30, sitzt in einem kleinen Raum, der komplett mit Postern geschmückt ist. Postern von Britney Spears bis Robbie Williams, alle mit kyrillischen Beschriftungen. Ein herrliches Bild, aber der Schuster winkte ab: "Net". Er wollte sich nicht fotografieren lassen.
Unten im Wohnheim arbeitet eine Babuschka, die immer sehr nett ist zu allen. Das ist hier doch leider manchmal eine Ausnahme. Ich habe das Gefühl, das in dem Arbeitsverständnis der älteren Menschen hier noch viel Sozialismus steckt. Die Frauen am Eingang sitzen da, aber sie sitzen da einfach, weil sie da sitzen müssen. Freundliches Grüßen hilft leider selten. Die Frau im Kafe scheint sich über all die ausländischen Studenten im Wohnheim zu freuen. Lächelnd zeigt sie jedes Mal einen Taschenrechner, selbst wenn man eigentlich schon verstanden hat, wie viel man bezahlen soll. So weit sind wir dann ja doch schon.
Am Samstag waren wir mit Dina (meine ehemalige Eskorte zum anderen Teil der Uni) und ihrem Freund Sergej in einer sehr schönen Bar in der Innenstadt. Wir sprachen über Politik, komplizierte Gespräche worauf auch später noch kompliziert komplexe Diskussionen folgten. Sergej war in der Army für zwei Jahre. Wenn man in Russland in der Army war, darf man für zehn Jahre nicht das Land verlassen. Anders herum das Gleiche: Ich habe jemanden getroffen, der nur in die Ukraine ausreisen darf, weil er den Kriegsdienst verweigert hat (was hier eine Menge Kraft kostet). Ich würde das gesellschaftlich konstruierten Zwang zu nationalistischem Denken nennen. Sergej wollte uns treffen, weil er politisch andere Sichtweisen bekommen will, wo er das Land schon nicht verlassen kann. Auch die Beziehung zu Dina scheint mir darauf aufzubauen, dass sie schon länger in Irland war und bald nach Kanada geht. Sergej's Argumente trotz allem scharf und schwer zu verstehen. Wir sprechen über das Wohnheim, in dem aus unserer Sicht die farbigen Studenten diskriminiert werden, kommen bürgerliche Argumente zur mangelnden Körperpflege und offensichtlichen Andersartigkeit der betreffenden Personen. Die hohe Kontrolle dient dem Schutz der Betroffenen vor erneuten radikalen Übergriffen i.t. (i togdalja). Wir sprechen auch über Stalin und Hitler. Sergej ist der Meinung, dass Stalin von seinen Nachfolgern verteufelt wurde. Alles schon gesehene Ansichten, aus meiner Sicht nicht nur auf dem falschen Denken des einzelnen begründet, sondern auf den oben beschriebenen, aktuellen politischen Schranken für russische Staatsangehörige. Natürlich ein großes und zerreißendes Thema...