"Наша Дочка" (Unsere Tochter)

Zu den Wahlen in der Ukraine

Eine Frisur
wie ein Heiligenschein,
so steht sie da:
Minus 10 Grad,
ohne Handschuhe!
Im Hintergrund weht digital
die ukrainische Flagge,
so wie auf dem Platz
hundertfach.

Während sie spricht
sieht man auf den Bildschirmen
im Hintergrund
den Patriarchen.
Auch er soll sprechen
vor der angestrahlten
Aya Sofia.
Der Interlude
dramatische Kirchenklänge
gemischt mit Technosounds
und einer Юля (Julia)
im weißen Gewand:
Wo sich Religion
und Politik treffen,
scheint für Demokratie
kein Platz mehr.

Doch sie sollen sich entscheiden,
die Menschen hier.
Noch zwei Tage bis zur Wahl,
während nur hundert Meter weiter,
er spricht.
Er, das ist Янукович (Janukovitsch),
der eine Ukraine für “die Menschen” verspricht.
Weit strahlen da die Scheinwerfer
um St. Mikhail’s Kathedrale,
während scheinmodern Popmusik
bis hierher schallt.
Er, der sich da,
als alter Mann neben St. Mikhail,
jung und ukrainisch volksnah
präsentiert.
Sie, die sich da,
erfahren und weise,
neben der Aya Sofia 
platziert.

Wie seltsam,
und doch aufklärend,
wirken da doch
die Busse der Organisatoren:
Mit der Aufschrift “Patriot” benennen sich jene,
die eigentlich nur
für die Technik sorgen.
Frierend steht daneben
das Volk:
Bei ihm,
umsorgt mit werbenden Müllsäcken
gegen die Kälte.
Bei ihr,
wärmende Grablichter
und verständnisvolle Nähe
eines weißen Engels
ohne Handschuhe.