Was ist Kultur? Dritter Teil

Die Zukunft des Kulturbegriffs.

1. Einleitung
    Die Zukunft des Kulturbegriffs ist ein Prozess zwischen zwei Vorstellungen von Kultur. Kultur, das ist zunächst einmal ein Wort. Ein Wort, das wir benutzen um unsere Zugehörigkeit zu einer Gruppe festzustellen oder um andere Menschen einer Gruppe zu zuschreiben. Doch Kultur ist auch ein Konzept. Ein Konzept, das benutzt wird, um Gruppenzugehörigkeiten zu schaffen und festzusetzen. Ein Konzept, über das in der Vergangenheit viel nachgedacht wurde und über das wir auch in Zukunft noch viel nachdenken werden.
    Ich möchte in dem folgenden Essay über Kultur nachdenken. Allerdings möchte ich nicht allein über das Wort Kultur und auch nicht allein über das Konzept Kultur nachdenken. Erst in dem Zusammenspiel zwischen diesen beiden Begriffen entsteht diejenige Sphäre, die ich als eine Dynamik des Kulturbegriffs verstehen möchte. In der Öffnung dieser Sphäre entdecken wir keinen festen Raum. Wir erkennen Möglichkeiten der Reflexion, die verkörpert in dynamischen Theorien schon seit einigen Jahrzehnten entwickelt wurden. Greifen wir nach ihnen, zerfließen sie und geben uns höchstenfalls die Möglichkeit einer umfassenden Selbstreflexion. An ihrem Ende stehen Texte. Gute Texte, die jedoch im gleichen Moment wieder zerfließen, in dem wir uns an ihnen zu begreifen versuchen.

    2. Wozu keine Kultur?
    Kultur, das ist ein Begriff, an dem man sich die Zähne ausbeißen kann. Einst fragte Dirk Baecker: „Wozu Kultur?“ und reifizierte einen inflationären Gebrauch des Kulturbegriffs mit allen seinen Paradoxien. Er stellt fest, dass das Wort Kultur heute in allen möglichen sozialen Sphären verwendet wird, um als Konzept Streitkulturen, Unternehmenskulturen oder Spaßkulturen zu legitimieren (vgl. Baecker 2001).
    Um dem inflationären Gebrauch zu entgehen, frage ich dagegen „Wozu keine Kultur?!“. Ich möchte für die Zukunft eine Vorstellung von Nicht-Kultur vorschlagen, die sich jenseits des greifbaren Wortes und jenseits des fixierten Konzepts von Kultur bewegt. Begreifen wir Kultur als eine soziale Zugehörigkeit, stellen wir fest, dass sie Menschen ein Gefühl von emotionaler Festigkeit geben kann. Jeder Mensch hat das Bedürfnis einer Gruppe anzugehören. Wir sprechen vom „wir“, wenn wir uns stark fühlen wollen. Genauso sprechen wir jedoch auch vom „ihr“, wenn wir uns stark fühlen wollen. In Zeiten des Individualismus verschiebt sich diese Form der Repräsentation sogar auch auf die intersubjektive Ebene. Ich spreche vom „ich“ weil ich mich als „wir“ stark fühlen möchte. Genau so spreche ich vom „du“ weil ich mich als „wir“ stark fühlen möchte.
    Keine Kultur jedoch begreifen „wir“ nicht. Sie besteht aus den Vorstellungen, die ich mir versuche von mir außerhalb jeder Gruppenzugehörigkeit zu machen. Keine Kultur ist für mich keine fassbare Vorstellung, kein Konzept. Keine Kultur ist es jedoch, worauf ich mich beziehe, wenn ich über Kultur nachdenke. Keine Kultur macht es mir möglich zu reflektieren.

    3. Kultur als Differenz
    Kultur, so sagt Homi Bhabha, ist Differenz (vgl. Bhabha/Rutherford 1990). Sie ist die Differenz voneinander, die wir äußern, die ich äußere und die du äußerst. Sie ist eine Vorstellung, die mir nichts dir nichts verschwinden kann, wenn wir unsere Differenzen überschreiten. Aber wir haben Angst davor die Grenzen zu überschreiten: das Problem ist die Instabilität, die wir dabei empfinden. Schließlich sind sind wir nicht gerne instabil in uns selbst. Wir wollen Kultur. Wir wollen ein Haus, in dem wir uns wohl fühlen.
    All zu schnell jedoch gehen wir von dem Verständnis eines Wortes Kultur zum Konzept der Kultur über. Wir entwickeln in unserem Haus die Vorstellung, unsere Kultur gehöre auch anderen Menschen. Bekanntlich kämpfen viele Menschen auf der Welt um die Aufrechterhaltung ihres Hauses bzw. gegen etwas, das nicht in ihr Konzept passt. Kriege, Konflikte, Streitereien – all das sind Auswüchse der Vorstellung, man habe das richtige Konzept fürs Leben gefunden.
    Wie gut, dass es da dynamische Theorien von Michel Foucault bis Pierre Bourdieu gibt, die mir zu verstehen helfen, zu wem ich unbewusst noch dazu gehöre. Leider können mir diese Theorien nur einen kurzen Moment meiner inneren Ruhe, meines tatsächlich eigenen Hauses, zurückgeben. Die nächste Reflexion ist die Reflexion der Theorien selber und die Suche nach einem neuen Haus. Vielleicht ist ein Überkommen dieses Dilemmas nur möglich, wenn ich auf Homi Bhabha höre: „I try to place myself in that position of liminality, in that productive space of the construction of culture as difference, in the spirit of alterity or otherness“ (Bhabha/Rutherford 1990: 209). Ich versuche mich außerhalb der Kultur als Wort und der Kultur als Konzept zu platzieren, um mich kurzweilig als existent zu begreifen.

    4. Kultur als Text
    In diesem Moment des Begreifens stelle ich jedoch ein Prinzip fest, dem zu entgehen wohl unmöglich ist, weil mein Denken außersprachlich nicht funktioniert. Nur für den Bruchteil einer Sekunde verharre ich in der Nicht-Kultur, um sie im nächsten Moment erst als Wort und dann wieder als Konzept zu begreifen. Dieses Prinzip gehört wohl zum Wesen der Entwicklung eines Selbst und eines Textes. Es wurde von Paul Watzlawick glänzend in Zusammenhang gebracht mit Wittgensteins Tractatus, der verkündet: „Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinaus gestiegen ist“ (Watzlawick 1986: 117).
    Kultur wird Text. Unter der von Wittgenstein formulierten Prämisse nehme ich das gerne hin und verstehe meine Texte als existent aber nicht statisch im Prozess der Kultur. Zwar erlange ich daraus keine Festigkeit, keine Zugehörigkeit, aber ich verstehe, dass Kultur sich bewegt. Wir schwanken hin und her zwischen unserer Auffassung von Kultur als Wort und Kultur als Konzept. Wenn wir verstehen wollen, begreifen wir Kultur als Wort. Dann wieder benutzen wir Konzepte, um anderen von unseren Erlebnissen mitzuteilen. Mal begreife ich mich pragmatisch als soziales Wesen und erfreue mich an an den schönen Errungenschaften der Menschheit. Wenn ich wieder das Wort entdecke, ziehe ich mich zurück und reflektiere über diese Errungenschaften. Im Moment des Schreibens dieses Textes reflektiere ich über einen Begriff, den ich später wieder pragmatisch und statisch begreifen werde. Dabei schreibe ich Kultur ohne zu begreifen, dass ich damit unvermeidlich die anderen mitschreibe. Denn schon jetzt bin ich gewillt zu sagen, dass es jedem Menschen so geht wie mir.

    5. Schluss
    Wenn ich über Kultur nachdenke – und wahrscheinlich denken wir immer nur über Kultur nach – entdecke ich viele Prozesse und Konzepte, aber wenige feste Worte. Was können wir nach diesen Überlegungen für das Wort und das Konzept Kultur feststellen? Fest steht, dass Kultur als ein Wort begriffen werden kann, das inmitten der Auseinandersetzungen um das Konzept Kultur gesehen werden kann. Sei es die erhobene Kultur des Wahren und Guten, die als zivilisatorisches Konzept dem unschuldigen Wort Kultur seine Fesseln anlegen will, sei es die kämpferische Auffassung der Neuerschaffung des Konzeptes Kultur aus dem geschriebenen Wort, wie wir sie aus vielgeschriebenen Idealismen kennen: Kultur, reflektiert als Wort und Konzept, begreifen wir in beiden Auseinandersetzungen nicht. Wenn ich jedoch sehe, dass ich Kultur gleichermaßen als unschuldiges Wort als auch als machtvolles Konzept verwende bewege ich mich zwischen diesen zwei Polen der Existenz. Ich begehe möglicherweise einen Trampelpfad, von dem man mich so schnell wieder herunterschubsen kann, wie ich ihn betreten habe. Doch bekanntlich sind Trampelpfade nicht allgemein bekannt. So könnte ich mich also auf dem Weg in die Zukunft des Kulturbegriffs begreifen.
    Zitierte Literatur:
    Baecker, Dirk (2001): Wozu Kultur? Berlin: Kadmos.
    Watzlawick, Paul (1986): Vom Schlechten des Guten. München: Piper.
    Bhabha, Homi K./ Rutherford, Jonathan (1990): Interview with Homi Bhabha. The Third Space. In: Rutherford, Jonathan (ed.): Identity. Community, Culture, Difference. London: Lawrence & Wishart, S. 207-222.